STRASSEN KINDERHILFE
KOLUMBIEN e.V.

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Projektreise

Projektreise

von Irene und Peter Roemer im März/ April 2004

Liebe Mitglieder und Freunde unseres Kinderhilfswerks,

aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens unseres Vereins ist neben dem Schulfest der Grundschulen in Maxdorf mit kolumbianischen Liedern und Tänzen eine große Benefiz-Veranstaltung mit überregional bekannten Künstlern aus Comedy und Kabarett am 5.10. im Pfalzbau Ludwigshafen vorgesehen.

Das Jubiläumsjahr war einer der Gründe, weshalb wir - wie immer auf eigene Kosten - für zwölf Tage nach Kolumbien flogen, um unsere Projekte zu besuchen Die Hauptstadt Bogotá hat uns sehr positiv beeindruckt. Sie erhält dank einer  neuen Verkehrsführung mit dem Massentransportbus (Transmilenio) und vieler stadtplanerischer Verbesserungen durch die letzten beiden Oberbürgermeister allmählich ihren alten urbanen Charakter zurück. Wunder hat ein Erziehungsprogramm, besonders durch OB Mockus, gewirkt, die Bevölkerung benimmt sich zivilisierter und fühlt sich offensichtlich in ihrer Stadt wohl. Die öffentliche Ordnung ist stark verbessert worden.

Am Sonntag nach unserer Ankunft haben wir den privaten Kindergarten und den Gesundheitsposten von Christine Noack in Subachoque, 70 km nördlich von Bogotá besucht. Dort wurden wir von allen Kindern und ihren Eltern im Beisein des Bürgermeisters mit einem Programm empfangen. Christine Noack hat in zehnjähriger Arbeit auf ihrer kleinen Viehfarm einen Kindergarten für 42 Landkinder aus der Umgebung geschaffen, in dem die Kinder pädagogisch und medizinisch betreut werden.

Anfang des Jahres finanzieren wir eine der drei Erzieherinnen. Da es an pädagogischem Spielzeug fehlte haben wir gleich etwas Geld dafür dagelassen und noch vor unserer Abreise die Quittungen erhalten. Bei der Besichtigung des von dem Verein "Ärzte für Subachoque" getragenen Gesundheitspostens, der über einen eigenen Arzt verfügt, bat Frau Noack um Prüfung, ob wir bei der Anschaffung eines Ultraschallgeräts helfen könnten. Nach Todesfällen infolge von problematischen Schwangerschaften wäre ein solches Gerät für die Region sehr wertvoll, das auch in den Krankenhäusern im Umkreis von 30 km nicht vorhanden ist. Zur Zeit werden die Anschaffungskosten ermittelt.

Am gleichen Abend trafen wir die vier Waisenkinder der Da. Esperanza Sánchez aus dem Armenviertel Bella Flor in Bogotá, die wir mit Hilfe von Siegfried Striegel seit 1997 fördern. Erika, jetzt sieben Jahre, ist ein kleiner Kobold, dem das Stillsitzen in der Schule schwerfällt, ist begeistert von ihrer Ausbildung als Modedesignerin, der ernsthafte Diego ist in  seiner Pflegefamilie sehr glücklich und hat gute Schulnoten und Daisy macht in zwei Jahren Abitur. Siegfried Striegel bemerkte trocken: "Wären sie in Bella Flor geblieben, hätten Daisy und Joana bereits zwei Kinder und der Junge wäre ein Räuber".

In der Grundschule der spanischen Marianista-Schwestern, dem Colegio Madre Adela, herrscht frohes Treiben. Die Schule ist übervoll, weil die Lehrer immer wieder ein weiteres Stühlchen in die Klassen stellen, um die Kinder nicht der Straße zu überlassen. Mit 310 Schülern von Vorklasse bis 5. Schuljahr ist die Schule an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt und müßte ausgebaut werden. Noch fehlt das Kapital dazu.

Große Freude bereitete uns die Begegnung mit unserer sechsjährigen Stipendiatin Stefania, ein Flüchtlingskind, das von seiner Mutter verlassen wurde und wegen Kinderlähmung nicht laufen konnte. Die Schwestern haben das Kind in orthopädische  Behandlung gegeben und es kann sich schon gut bewegen. Das Lernen macht ihm Spaß.

Siegfried Striegel ließ es sich nicht nehmen, uns in seinem Privatwagen ins 30 km entfernte Armenviertel Bella Flor (Ciudad Bolivar) im Süden von Bogotá zu fahren. Wie Ihnen aus dem letzten Jahresbericht bekannt ist, wurde seinem früheren Begleiter Organista das Taxi geraubt, der sich dadurch gezwungen sah, in sein Dorf zurückzukehren. In Bella Flor wurden wir von Mitgliedern des Gemeinschaftsprojekts Laudis Infantis begrüßt, die in den letzten drei Jahren für 300 Flüchtlingsfamilien eine menschenwürdige Umgebung auf dem unwirtlichen Hügel geschaffen haben. "Hilfe zur Selbsthilfe" lautet die Parole der hochmotivierten Leiterinnen Jacqueline Morena und Yvonne Jegge, eine schweizer Sozialarbeiterin, die beide in Projekten des Salesianers Javier de Niccolò gearbeitet haben. Wir trafen sieben Arbeitsgruppen in der selbsterbauten Kantine, in der 60 Personen täglich essen können.  

Gekocht wurde von den Frauen des Viertels, der Einkauf wird gemeinsam organisiert. Auf Initiative der Projektleitung werden für den täglichen Bedarf Gemüse, Gewürze und Heilpflanzen angebaut.

Viele Häuschen haben kleine Vorgärten mit Blumen. Inzwischen hat die Stadtverwaltung die Infrastruktur soweit geregelt, daß man fast bis oben mit einem Zubringerbus des Transmilenio fahren kann. Auch Wasser und Strom sind endlich im Viertel vorhanden. Man rechnet damit, daß die Flüchtlinge bleiben und tut alles, damit sie sich in Bogotá heimisch fühlen. Die energische Jacqueline hat Wunder bei der Disziplinierung der Familien vollbracht: Unter der Losung "Wir sind arm, aber wir müssen uns respektieren" wurde der Schlendrian beseitigt. Mit einem Fest wurde die Entlausung begangen, die persönliche Hygiene mit gegenseitigem Fußwaschen eingeübt und Unrat persönlich von Jacqueline aus den Behausungen herausgeworfen. Inzwischen ist die soziale Kontrolle so aufgebaut, daß im Wohnviertel nicht mehr gestohlen wird. Ergebnis der gemeinsamen Anstrengung von Stadt und Laudes Infantis ist die Einschulung oder Unterbringung aller Kleinkinder in Kindergärten, d.h. dieser Teil von Bella Flor produziert keine Straßenkinder mehr! Das ist ein absolut einmaliges Ergebnis eines sozialen Großversuchs. Wir sahen Schulkinder mit blauen Säcken als Straßenreinigungskommandos, die sich nicht scheuten, die Erwachsenen zur Sauberkeit zu ermahnen. Da der Botanische Garten auf Veranlassung von Siegfried Striegel Büsche und Bäume gesetzt hat, wird es nicht mehr lange dauern, bis das Armenviertel seinen Namen "Bella Flor" (schöne Blume) verdient. - Inzwischen haben wir die Einrichtung der Backstube und des Sanitätsraums finanziert. Ein Antrag für eine große Investition zur Aufstockung des Gemeinschaftshauses ist in Arbeit. 

Sehr zufrieden waren wir mit den Investitionen in der Kinderklinik Santa Ana in Medellín. Die Sicherheitsvorschriften des Gesetzes 2309 sind weitgehend erfüllt, uns überraschten Evakuierungsrampen und Sicherheitstore, verfließte Wände in den Krankensälen, Handläufe und Fußleisten sowie reparierte Wassertanks für einen Ausnahmezustand. Auch die Klinik plant einen Erweiterungsbau. Wir wurden um einen wasserdichten Fliesenbelag für die Sonnenterrasse der Kleinkinder, Monitoren für die Kinderbettchen und einige bauliche Maßnahmen gegen die Feuchtigkeit an der Hinterfront der Klinik gebeten.

Im Mädcheninternat von Pan de Vida im Stadtteil Boston, das als Gemeinschaftsprojekt mit dem Kindermissionswerk erworben wurde,  besichtigten wir die von uns finanzierten Sanitärräume und wurden von den 20 Mädchen fröhlich empfangen. Allerdings hat die staatliche Fürsorge, von der  die Übernahme der Unterhaltskosten für die Kinder erwartet wird, eine Reihe von baulichen Auflagen gemacht, die vom Verein erfüllt werden müssen.

Unsere ASPA-Freunde (Rückkehrer nach Studium in Deutschland) trafen wir an einem Sonntag in einem Landgasthaus. Insbesondere der Arzt Francisco Ocampo Duque bot seine Hilfe für unsere Sozialprojekte an. Ebenso lernten wir die hochbegabten Stipendiaten Wilmer und Wilson Botero Sánchez kennen, die in einem Jahr Abitur machen.

 

Insgesamt haben wir auf dieser Projektreise empfunden, daß mit dem neuen Präsidenten Uribe Hoffnung im Land eingekehrt ist. Die Integration der  Millionen von Flüchtlingen geht langsam vorwärts, es fehlt an Infrastruktur und  Arbeitsplätzen, doch die Kolumbianer aller Schichten besinnen sich auf ihre eigenen Fähigkeiten zur Lösung ihrer großen Probleme.

Dabei wird unser Beistand noch eine Weile gebraucht werden.

 

Mit vielen freundlichen Grüßen

Ihre Irene Roemer